Was ist eine Energiewendestadt?

Alles beginnt damit, dass sich eine kleine Zahl motivierter Einzelner innerhalb eines Gemeinwesens zusammenschließt, weil sie die gleiche Sorge umtreibt: Wie kann unsere Kommune auf die Herausforderungen und Chancen reagieren, die durch das Ölfördermaximum und den Klimawandel entstehen?

Sie bilden zunächst eine Startgruppe und wenden dann das Transition-Modell an, um einen möglichst großen Teil der Einwohner ihrer Kommune dazu zu bringen, sich an einer Energiewendeinitiative zu beteiligen.

Eine Energiewendeinitiative nach dem Transition-Town-Modell ist ein Gemeinwesen, dessen Bewohner gemeinsam alle möglichen Anstrengungen unternehmen, um dem Ölfördermaximum und dem Klimawandel Paroli zu bieten und Antworten auf die folgende entscheidende Frage zu finden:

Wie können wir angesichts all jener Umstände, die einen Einfluss auf die Erhaltung und das Gedeihen unseres Gemeinwesens haben, unsere Widerstandsfähigkeit und lokale Autonomie bezüglich der Auswirkungen des Ölfördermaximums so hoch wie möglich machen und gleichzeitig eine drastische Reduzierung unserer Kohlendioxidemissionen erreichen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern?

Dazu dient ein umfassender und kreativer Prozess mit dem Ziel, das Verständinis für Krisenfestigkeit („Resilienz“) und das gemeinschaftliche Engagement zu fördern. Dieser Prozess besteht aus den folgenden wesentlichen Bestandteilen:

  • Bewusstsein schaffen für das Ölfördermaximum, den Klimawandel und die Notwendigkeit, von der Gemeindeebene ausgehend einen Prozess in Gang zu setzen, um Krisenfestigkeit und CO2-Reduzierung zu erreichen
  • Vernetzung mit bestehenden Gruppen in der Gemeinde
  • Vernetzung mit anderen Transition-Initiativen
  • Kontaktaufnahme mit der Kommunalverwaltung
  • Bildung von Untergruppen, die sich mit allen wesentlichen Lebensbereichen beschäftigen (Ernährung, Energie, Transport, Gesundheit, Wirtschaft usw.)
  • Veröffentlichung eines gemeinschaftlich ausgearbeiteten und zu implementierenden „Energiewende-Aktionsplans“ für die nächsten 15 bis 20 Jahre

Das Gemeinwesen ist sich außerdem der folgenden zwei Punkte bewusst, die von kritisch wichtiger Bedeutung sind:

  • Wir haben ein unglaubliches Maß an Kreativität, Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit bewiesen, als unser Energieverbrauch jedes Jahr größer und größer wurde – es gibt keinerlei Grund zu der Annahme, dass wir bei sinkendem Energieverbrauch nicht dieselben Fähigkeiten zeigen könnten.
  • Wenn wir gemeinsam einen Plan entwickeln und früh genug handeln, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass wir eine neue Form des Zusammenlebens entwickeln können, die wesentlich gemeinschaftlicher, dynamischer und naturverbundener ist als die Tretmühle der Ölabhängigkeit, die wir jeden Tag aufs Neue bewegen müssen.

Um es abschließend auf den Punkt zu bringen:

  • Der Klimawandel macht eine CO2-Reduzierung unbedingt notwendig.
  • Das Ölfördermaximum macht sie unvermeidlich.
  • Transition-Initiativen machen sie realisierbar und attraktiv (soweit das bisher absehbar ist)

Die sieben Hindernisse auf dem Weg zur Energiewende

Eine der ersten Aufgaben beim Start einer Energiewendeinitiative besteht sowohl für den Einzelnen als auch für das Team darin, die – realen oder eingebildeten – Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die einem Aufbruch zu neuen Ufern im Wege stehen. Wir nennen das „Die sieben Vorbehalte“.

Vorbehalt Nr. 1: Wir haben doch kein Geld …

Das ist nun wirklich kein Argument. Geldmittel sind nur ein sehr schwacher Ersatz für den Enthusiasmus und Gemeinschaftsgeist, der euch durch die ersten Stadien einer Energiewendeinitiative tragen wird. Werden Spenden gesammelt, könnten die Spender außerdem nach einem gewissen Grad an Mitbestimmung verlangen und die Initiative in eine Richtung bringen, die dem Interesse der Allgemeinheit zuwider läuft.

Wir zeigen euch, wie ihr im Verlauf eurer Aktivitäten geeignete Mittel erwirtschaften könnt. Wir reden hier nicht von Riesensummen, und eure Energiewendeinitiative wird kaum an der Börse notiert werden, aber wie der bekannte australische Ökodorf-Planer Max Lindegger vor Jahren einmal sagte, „wenn ein Projekt keinen Profit erwirtschaftet, erwirtschaftet es einen Verlust“.

„Transition Town Totnes“ wurde im 2005 ohne jede Geldmittel gegründet und finanziert sich seitdem vollständig von allein. Die Eintrittsgelder der von uns organisierten Podiumsgespräche und Filmvorführungen werden dazu verwendet, Gratis-Veranstaltungen wie die Open-Space-Debatten zu subventionieren. Ihr werdet an einen Punkt gelangen, wo für spezielle Projekte eine Finanzierung nötig wird, aber bis dahin kommt ihr schon irgendwie zurecht. Ihr müsst in dieser Hinsicht das Heft in der Hand behalten und euch von fehlenden Mitteln nicht abhalten lassen.

Vorbehalt Nr. 2: Die da oben lassen uns doch sowieso nicht …

Unter grün bewegten Aktivisten ist vielfach die Angst verbreitet, dass jede Initiative, sobald sie tatsächlich Erfolge zeitigt, von gesichtslosen Bürokraten und Wirtschaftsbossen angegriffen und abgewürgt wird. Wenn diese Angst groß genug ist, euch von jeglichem Handeln abzuhalten, wenn ihr jeden eigenen Einfluss verneint und einem imaginären „die da oben“ zuschreibt, lest ihr wahrscheinlich gerade das falsche Dokument. Die Bewegung der Energiewendestädte arbeitet demgegenüber „unterhalb der Radarschwelle“ und ist nicht auf Streit oder Feindschaft aus. Auf diese Weise haben wir es bis jetzt offenbar vermieden, den Zorn bestehender Institutionen auf uns zu ziehen.

Ganz im Gegenteil – das Bewusstsein in Wirtschaftskreisen für Fragen der Nachhaltigkeit und des Klimawandels wird täglich stärker, und ihr werdet euch wundern, wie viele Menschen, die Macht und Einfluss haben, auf eure Initiative mit Begeisterung und Inspiration reagieren und euch eher helfen, als der Energiewende Steine in den Weg zu legen.

Vorbehalt Nr. 3: Bei uns gibt es doch schon die Grünen und andere Umweltgruppen, ich will denen lieber nicht auf die Zehen treten …

Diese Fragen behandeln wir etwas ausführlicher in Schritt 3 der „12 Schritte“, aber im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass ihr schon sehr viel Pech haben müsstet, damit es zu „Revierkämpfen“ kommt. Eine der Auswirkungen eurer Energiewendeinitiative besteht darin, dass die vorhandenen Gruppen ein gemeinsames, sinnvolles Ziel erhalten, und einige von ihnen werden den neuen Schwung, den ihr ins Spiel bringt, durchweg begrüßen, weil sie vielleicht selbst erste Symptome von Ausgebranntheit zeigen. Die gemeinsame Ausarbeitung eines Plans für die Senkung des Energieverbrauchs mit einem Netzwerk von bestehenden Gruppen wird deren Arbeit um eine wichtige und zielgerichtete Dimension erweitern, anstatt sie überflüssig zu machen oder abzulösen. Ihr solltet eher erwarten, dass einige davon zu euren stärksten Verbündeten werden und einen entscheidenden Faktor für den Erfolg der Energiewendeinitiative werden.

Vorbehalt Nr. 4: Hier bei uns interessiert sich doch sowieso keiner für die Umwelt…

Angesichts der apathischen Konsumgesellschaft um uns herum ist es kaum verwunderlich, dass solche Gedanken bei vielen von uns aufkommen. Bei näherem Hinsehen stellt man allerdings fest, dass gerade Leute, von denen man dies überhaupt nicht erwartet hätte, die eifrigsten Verfechter von wesentlichen Bestandteilen jeder Energiewendinitiative sind: regionale Nahrungsmittelversorgung, regionales Handwerk und regionale Kultur. Der Trick besteht darin, auf diese Menschen zuzugehen, anstatt darauf zu warten, dass sie sich von selbst melden. Sucht nach Verbündeten mit ähnlichen Interessen, und ihr werdet feststellen, dass eure Gemeinde ein wesentlich interessanterer Ort ist, als ihr gedacht hättet.

Vorbehalt Nr. 5: Es ist doch sowieso schon viel zu spät, um noch etwas zu tun …

Vielleicht ist es schon zu spät, höchstwahrscheinlich aber noch nicht. Eure Anstrengungen (und die anderer) sind daher von absolut entscheidender Wichtigkeit.

Steht euch bei eurer Arbeit nicht durch Hoffnungslosigkeit selbst im Weg – wie sagt Vandana Shiva: „Aus der Tatsache, dass wir in unsicheren Zeiten leben, folgt nicht mit Sicherheit, dass es keine Hoffnung gibt“.

Vorbehalt Nr. 6: Ich bin doch für so etwas gar nicht ausgebildet …

Also, wenn ihr das jetzt nicht macht – wer denn sonst? Es ist völlig egal, dass ihr keinen Doktorgrad in Nachhaltigkeit besitzt oder keine jahrelange Erfahrungen in Gartenbau oder Planung habt. Entscheidend ist, dass euch der Zustand eures Wohnorts nicht egal ist, dass ihr die Notwendigkeit zu handeln seht und dass ihr offen für neue Wege des Engagements seid.

Wenn es eine Stellenbeschreibung für Leute gäbe, die sich bei einer Energiewendeinitiative bewerben, könnte sie vielleicht so aussehen:

  • Lebensbejahend
  • Guter Umgang mit Menschen
  • Grundlegende Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse, insbesondere auch der örtlich einflussreichen Personen.

Und das ist eigentlich schon alles … Letztendlich plant ihr ja bereits zu Beginn des Prozesses euren eigenen Abgang (siehe Schritt 1), eure Rolle in diesem Stadium ist also die eines Gärtners, der den Boden für den geplanten Garten vorbereitet, und wenn ihr lange genug dabeibleibt, könnt ihr mit ansehen, wie er wächst.

Vorbehalt Nr. 7: Mir fehlt einfach die Energie für all das!

Goethe hat einmal geschrieben: „Das Mögliche soll der Entschluss beherzt sogleich beim Schopfe fassen. Er will es dann nicht fahren lassen und wirket weiter, weil er muss!“ Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies auf jeden Fall auf den Start einer Energiewendeinitiative zutrifft. Die Vorstellung, eure Stadt (eure Metropole, euer Dorf, euer Tal oder eure Insel) auf die Ära nach dem Öl vorzubereiten, mag euch den Atem rauben, aber während des Voranschreitens einer Energiewendeinitiative kommt es zu einer Freisetzung von Energie, die unaufhaltsam ist.

Möglichweise seid ihr überwältigt von der Riesenmenge Arbeit und dem hohen Grad an Komplexität, aber ihr werdet immer mehr Unterstützung finden. Tatsächlich haben viele Aktivisten erstaunt berichtet, wie während des ganzen Prozesses offenbar immer die richtigen Leute zur richtigen Zeit auftauchten. Wenn man sich diesem Mut anvertraut, wenn man den Quantensprung von „Warum macht eigentlich niemand etwas?“ zu „Lasst uns etwas machen!“ wagt, dann erwächst daraus eine enorme Energie, die den Prozess weiter vorantreibt.

Nicht selten hat man beim Engagement für die Umwelt das Gefühl, ein kaputtes Auto bergaufwärts zu schieben: eine harte Plackerei, die einem niemand dankt. Eine Energiewendeinitiative ist wie die anschließende Fahrt bergab – das Auto wird schneller und schneller, und man hat Mühe, überhaupt Schritt zu halten. Wenn ihr ihm erst einmal einen Schubs gegeben habt, rollt es wie von den selbst den Berg hinunter. Das soll nicht heißen, dass man nicht manchmal hart arbeiten muss – aber so gut wie immer macht diese Arbeit großen Spaß.

[Quelle:Transition Towns Deutschland]